Kreisgruppe Brandenburg / Havel

Stellungnahme des VCD zur Aufstellung des Bebauungsplanes „Wohnquartier Alte Ziegelei“

Die Stadt Brandenburg an der Havel hat am 22.01.2020 zur Beteiligung der Öffentlichkeit an der Bauleitplanung „Wohnquartier Alte Ziegelei“ an der Neustädtischen Wassertorstraße eingeladen. Hierbei stellte man die erste Entwurfsplanung des beteiligten Planungsbüros FIRU mbH vor und nahm erste Anregungen von Interessenten und Anwohnern entgegen.

Lage des Bebauungsgebiets "Alte Ziegelei"
Graphik: Stadt Brandenburg Quelle: Stadt Brandenburg

 

Der VCD Brandenburg mit der Kreisgruppe Brandenburg an der Havel bedankt sich für den frühzeitigen Dialog der Stadtverwaltung und möchte sich mit den nachfolgenden Anregungen bzw. Ideen an der Gestaltung des historisch-urbanen Raums beteiligen.

Die VCD- Kreisgruppe Brandenburg an der Havel empfiehlt, die betreffende Fläche – mit einer Größe von rund 7000 m2 – als autofreie oder autoarme Modellsiedlung zu entwickeln, da sie durch ihre zentrale Lage in der historischen Innenstadt hierfür prädestiniert ist. Mit höchsten ökologischen und sozialen Standards bei der Planung und Realisierung dieses Vorhabens kann die Gemeinde einen weithin sichtbaren, beispielhaften Beitrag zum klimaneutralen Umbau unserer Gesellschaft leisten und zugleich wichtige Erfahrungen für die eigene weitere Ortsentwicklung sammeln.

Alle Varianten des bisherigen Konzeptes sehen eine Reihenhausbebauung mit bis zu 20 Einheiten mit 2,5 Etagen vor. Grundsätzlich ist dieser Bereich auf Grund der Innenstadtlage aber für eine dichtere Bebauung geeignet. Im nachbarschaftlichen Umfeld sind Bebauungshöhen bis 4 Volletagen vorzufinden (siehe Neustädtische Wassertorstraße 20 und Deutsches Dorf 8 bis 15). Die zunehmende Attraktivität der Innenstadt, der erweiterte Einzugsbereich des „Berliner Speckgürtels“ und der zu erwartende hohe Verkaufspreis der Grundstücke legen nahe, grundlegend zu prüfen, ob die Auflage einer Reihenhausbebauung überhaupt zielführend ist und der sozialen Durchmischung des Wohngebietes nicht entgegensteht.

Oft wird als Argument gegen eine dichtere Bebauung der zunehmende KFZ-Verkehr vorgebracht. Durch eine Konzeption als autoarmes Quartier mit einer Mobilitäts-Station inklusive Carsharing-Angebot und Lastenrad-Verleih kann induzierter KFZ-Verkehr weitgehend vermieden und der Anteil der nötigen Verkehrsflächen deutlich reduziert werden. Für autoarme Quartiere und damit verbundene Mobilitätskonzepte gibt es schon viele gute Beispiele, ganz in der Nähe z.B. das
“Uferwerk” in Werder. Stadtplanerisch besteht der Vorteil, dass im Baugebiet der historischen Innenstadt laut Stellplatzverordnungen bzw. Stellplatzsatzungen keine vorgeschriebene Anzahl an KFZ-Stellplätzen zu errichten ist.

Über das Projekt “Wohnen leitet Mobilität”  stellt der VCD Leitfäden zur Verfügung, die bei der Erstellung von Mobilitätskonzepten und der Planung von autoarmen Quartieren unterstützen, zudem gibt es eine Datenbank zu passenden Förderprogrammen. Als konkrete Maßnahmen schlagen wir neben der Einrichtung einer Mobilitätsstation vor, hohe Qualitätsvorgaben für Fahrradabstellplätze in den Wohneinheiten vorzusehen, sowie einen direkten Zugang für Fußgänger und Radfahrer vom Baugebiet zur Sankt-Annen-Straße zu gewährleisten, z.B. durch eine Verbindung zur Straße Deutsches Dorf südlich von Haus Nummer 8.

Vor dem Hintergrund des Pariser Klimaabkommens und der sich daraus ergebenden CO2-Minderungsziele muss die Stadt Brandenburg die klimapolitischen und energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Neubebauung perspektivisch durch geeignete Vorgaben und Anstrengungen sicherstellen. Unter der Abwägung zwischen strikten Vorgaben des Denkmalschutzes und der politischen Zielsetzung der zeitnahen Klimaneutralität müssen in der Stadt Brandenburg die nötigen Impulse für die Sektoren Verkehr, Wärme und Strom gesetzt werden. Der effektive Einsatz ökologisch nachhaltiger und denkmalschutzgerechter Vorgaben muss symbiotisch-kooperativ ermöglicht werden.

Da in diesem Baugebiet keine Fernwärme der Stadtwerke angeboten wird, müssen unter Beachtung der Ziele der Energiewende die weitestgehend entwickelten und marktreifen CO2-freien Technologien der erneuerbaren Energien (Photovoltaik, Solarthermie, Geothermie) als Individuallösung der Hausbauer oder als Konzept der Quartierslösung eines sektorkoppelnden Vorgehens ggf. über die Stadtwerke Brandenburg umgesetzt werden. Ausdrücklich wird auf den Report „Technologien für die Energiewende – Politikbericht“ des Wuppertal-Instituts verwiesen, der einen aktuellen Überblick der zentralen Technologien gibt und Entscheidungsträgern die zentrale wissenschaftlich-technische Übersicht für die gesellschaftspolitische Zielsetzung (Klima- & Ressourcenschutz, gesellschaftliche
Akzeptanz, Exportpotential und Beschäftigungsimpulse) bereitstellt.

All die genannten Schwerpunkte – Bebauungsdichte, Verkehr sowie Wärme und Strom (klimaneutrale Systemkompatibilität) – sollten bei der Planung und Umsetzung des Projektes unbedingt Beachtung finden. Wenn wir unseren Kindern und Enkeln eine lebenswerte Welt hinterlassen wollen, müssen jetzt die Weichen gestellt werden.

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