Kreisgruppe Brandenburg / Havel
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Die Steinstraße, die Feuerwehr und die KFZ-Lagerflächen im öffentlichen Raum

Wie schon in der Packhofstraße hat die Feuerwehr mit ihrer Drehleiter Stellproben in der Steinstraße gemacht, um zu ermitteln, ob sie Menschen mit der Drehleiter aus den Häusern retten kann, wenn das Treppenhaus bei einem Brand wegen Rauch oder aus anderen Gründen nicht mehr genutzt kann.

Aufgrund der Oberleitungen der Straßenbahn ist der Platz für die Drehleiter in der Steinstraße knapp, und durch die Stellprobe wurde klar, dass die KFZ-Stellplätze nicht im bisherigen Umfang erhalten bleiben können, und dass auch eventuell z.T. die Flächen für die Außengastronomie beschränkt werden müssen, siehe die Berichte in der MAZ und bei meetingpoint.

Nun soll es eine Lösung für das schnelle Abschalten der Oberleitung im Notfall geben, und es werden - bis auf eine Ausnahme - nur die KFZ-Stellplätze und nicht die Außengastronomie-Flächen reduziert (laut MAZ und meetingpoint).

Während wir die Sorgen der Gastronomen um ihre Außenflächen für berechtigt halten, entspringt der Alarmismus der Einzelhändler ("in der Innenstadt von Brandenburg [gibt es so] keine echte Zukunft für Einzelhändler") einem faktenfreien, einseitig autozentrierten Denken.

Die Außenflächen sind für die Restaurants und Cafés in der Steinstraße extrem wichtig, die Terrassen sind aber bisher nur begrenzt attraktiv aufgrund des starken KFZ-Verkehrs. Auch die Absperrungen zur Fahrbahn hin, die offenbar im Notfall ein Problem für die Feuerwehr darstellen, sind nur aufgrund des dichten KFZ-Verkehrs notwendig. Mit einer Umwandlung zur Fußgängerzone würde sich das erledigen - und die Außengastronomie würde sehr viel attraktiver.

Die Einzelhändler liegen hingegen falsch, wenn sie glauben, dass ihre Kunden nur mit dem Auto kämen, und den Wegfall von KFZ-Stellplätzen in der Steinstraße mit einer geringeren Kundenfrequenz gleichsetzen. Im Gegenteil ist es so, dass der Einzelhandel von einer fußgängerfreundlicheren Steinstraße massiv profitieren wird. Durch die nun angekündigte Reduzierung der KFZ-Lagerflächen wird mehr Platz für Fußgänger*innen geschaffen, so dass in der Steinstraße ein entspannter Schaufensterbummel möglich wird.

Wenn Einzelhändler und Stadtmarketinggesellschaft meinen, dass die Steinstraße "schon lange nicht mehr" zum Bummeln einlädt, sollte man sich fragen, woran das liegt. Grund dafür sind doch der übermäßige Autoverkehr und die Parkplätze! Die Steinstraße ist unattraktiv wegen des Autoverkehrs und der KFZ-Lagerflächen. Auf der schmalen Restfläche zwischen Fassaden und den parkenden Autos ist kein entspanntes Bummeln möglich, denn man kann ja vor keinem Schaufenster stehenbleiben, ohne für andere Fußgänger sofort zum Hindernis zu werden. Nur eine Steinstraße ohne platzfressende KFZ-Stellplätze kann ein entspanntes Einkaufserlebnis bieten.

Sich als Innenstadt-Händler nur auf Autofahrer*innen als Kund*innen konzentrieren zu wollen, macht keinen Sinn: Die Innenstadt wird für Autofahrende nie so bequem sein wie das Einkaufszentrum auf der grünen Wiese, wo es massenhaft Parkplätze gibt. Für die Händler in der Steinstraße ist es sinnlos, mit dieser Art von Bequemlichkeit konkurrieren zu wollen. Stadtdessen müssen Stadtmarketinggesellschaft und Einzelhändler sich auf die Stärken besinnen, die die Innenstadt hat: ein tolles Ambiente in historischer Bausubstanz mit Vielfalt im Angebot im menschlichen Maßstab. Kunst, Kultur und Geschichte gleich mit dabei. Das gibt es nicht beim Konsumtempel im Industriegebiet.

Ein weiteres Problem sind Radfahrende auf den Gehwegen in der Steinstraße. Es ist eindeutig klar, dass man auf den Gehwegen dort nicht mit dem Rad fahren darf, und Fußgänger*innen beklagen sich regelmäßig zu Recht. Wir können aber jede und jeden verstehen, der sich die Steinstraße auf dem Rad nicht antun will angesichts der ständig drohenden Sturzgefahr durch Schienen und den drängelnden und zu dicht überholenden Autofahrern. Aus den Kommentaren zu unserer Petition und aus unserer Umfrage wissen wir, dass die Steinstraße deshalb von Radfahrer*innen gemieden wird.

Das bedeutet, dass in der Steinstraße das Kundenpotential durch Radfahrer und Fußgänger noch längst nicht ausgeschöpft ist. Studien haben ergeben, dass Fußgänger und Radfahrer treue Kunden sind. Sie kaufen zwar pro Einkauf typischerweise weniger ein, kommen aber öfter und generieren so in Summe höhere Umsätze als Autofahrer. Fußgänger und Radfahrer haben einen begrenzten Radius und kaufen gerne lokal ein. Wer einmal im Auto sitzt, ist hingegen schnell auch woanders hingefahren.

In einer Broschüre "WirtschaftsRad - Mit Radverkehr dreht sich was im Handel" der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen in Bayern (auch unten verlinkt) von 2016 sind all diese Argumente genannt und mit einer Reihe von Studien belegt. Diese Erkenntnisse sind also nicht neu, warum scheinen Einzelhändler und Stadtmarketinggesellschaft davon noch nie gehört zu haben? Warum eine fahrrad- und fußverkehrsfreundliche Stadtplanung enorme Vorteile nicht nur für den Einzelhandel, sondern für die gesamte Gesellschaft bietet, wird in einer lesenswerten Broschüre der "Dutch Cycling Embassy" (der Niederländischen Fahrrad-Botschaft) dargelegt (ebenfalls unten verlinkt).

[Update 2021-05-29] Hier und hier sind die Ergebnisse von Untersuchungen zum Thema Einzelhandel und Radverkehr noch einmal kompakt zusammengefasst.

Ohne KFZ-Verkehr, mit glattem Pflaster in der Fahrbahnmitte und abschnittsweiser Veloschiene könnten auch Radfahrer*innen die Geschäfte in der Steinstraße entspannt erreichen. Fußgänger*innen hätten ausreichend Platz für einen entspannten Schaufensterbummel. Und danach ein leckeres Essen oder ein Eis im Freien ohne Abgas-Aromen genießen - wer wollte das nicht?

Wann erkennen Stadtpolitik, Verwaltung, Stadtmarketinggesellschaft und Einzelhändler endlich das Offensichtliche? Die Steinstraße sollte eine Fußgängerzone werden.

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