Brandenburg

Kreisgruppe Brandenburg / Havel

Enttäuschende Antwort der Stadt zur August-Bebel-Straße

Peter Reck, Leiter der Fachgruppe Straßen und Brücken der Stadt Brandenburg, hat uns und dem ADFC im Auftrag des Oberbürgermeisters Steffen Scheller in Sachen August-Bebel-Straße geantwortet. Die Antwort ist enttäuschend.

 

Nachdem Herr Reck am 11.03.2020 im Ausschuss für Stadtentwicklung, Umwelt und Verkehr die gemeinamen Planungen von Stadt und Landesbetrieb Straßenwesen für den Ausbau der B102 vorgestellt hatte (Bericht in der MAZ), hatten sich die lokalen Gruppen von ADFC und VCD zu Wort gemeldet. Der ADFC hatte Widerspruch mit einem offenen Brief eingelegt, in dem ausführlich alle Einwände erläutert werden. Wir hatten einen Bericht sowie eine Ergänzung auf unserer Homepage veröffentlicht, und unsere Kritikpunkte auch als Brief an die Stadt und den Landesbetrieb gerichtet.

Nun ist sowohl bei ADFC als auch VCD eine Antwort von Herrn Reck eingetroffen (datiert vom 30.04., Poststempel vom 06.05., siehe ”Dateien” am Ende des Artikels), die absolut enttäuschend ist und einer weitgehenden Missachtung unserer Argumente gleichkommt. Der vorhandene Zweirichtungsradweg, der eine gute und sichere Verbindung zur Gördenbrücke herstellt, soll nicht erhalten bleiben. Keine unserer Fragen wird explizit beantwortet, insbesondere auf die Fragen zur Schulwegsicherheit und den Belangen des Anliegers Blitz-Kurier wird mit keinem Wort eingegangen.

Die Abschaffung des Zweirichtungsradweg in der August-Bebel-Straße wird von Herrn Reck mit Ausführungen zu Sicherheitsnachteilen von Zweirichtungsradwegen im Allgemeinen begründet, auf die spezielle Situation vor Ort geht er nicht ein. Das ist zu kurz gedacht, denn auch wenn es Gründe geben mag, Zweirichtungsradwege im innerstädtischen Bereich zu vermeiden, sprechen doch alle konkreten Umstände an der August-Bebel-Straße dafür, den Zweirichtungsradweg hier beizubehalten:

  • Ab der Querungsstelle an der Haltestelle “August-Bebel-Straße”, auf der Gördenbrücke und jenseits im weiteren Verlauf der B102 (Rathenower Landstraße) wird es weiterhin einen Zweirichtungsradweg geben; im Zuge des Ausbaus der Rathenower Landstraße ist dieser neu angelegt bzw. ausgebaut worden. Warum sind Zweirichtungsradwege dort akzeptabel, wenn diese angeblich unbedingt vermieden werden sollen? Offenbar gibt es also doch Gründe für Zweirichtungsradwege. Warum sollen diese Gründe (im offenen Brief des ADFC detailliert aufgeführt) jetzt im Abschnitt August-Bebel-Straße plötzlich nicht mehr gelten?
  • In ihrer Abwägung gewichtet die Stadtverwaltung die Sicherheitsnachteile von zusätzlich nötigen Querungen offenbar gering, wir halten diese aber für eklatant. Das Muster kommt uns bekannt vor: auch schon bei den Plänen zum Ausbau der B1 im Bereich Otto-Sidow-Straße hielt die Stadtverwaltung zunächst für Radfahrende Richtung Hauptbahnhof eine zweimalige Querung der B1 für vertretbar, hatte dann aber zum Glück doch ein Einsehen. Herr Reck selbst schreibt von der Gefährlichkeit von Knotenpunkten (“75% der Unfälle”), warum will er dann Radfahrern zusätzliche Querungen an eben solchen Knotenpunkten zumuten?
  • Es gibt keine Hinweise auf Sicherheitsprobleme am bestehenden Zweirichtungsradweg. Im Verlauf der ca. 700m zwischen Gördenbrücke und Fontanestraße gibt es nur zwei Ausfahrten / Einmündungen mit KFZ-Verkehr, kein Vergleich zur Dichte von Grundstückszufahrten in normalen innerstädtischen Straßen, für die eine Ausweisung von Zweirichtungsradwegen nicht empfohlen wird. Im Interaktiven Unfallatlas der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder sind für diesen Abschnitt in den Jahren 2017 und 2018 auch keine Unfälle mit Radfahrerbeteiligung verzeichnet (für frühere Jahre sind dort keine Daten verfügbar), siehe die Abbildung oben für das Jahr 2018.

Diese zwei Einmündungen und die Kreuzung an der Fontanestraße lassen sich sehr wohl auch für einen Zweirichtungsradweg signaltechnisch einfach sichern, wenn der Wille zur Verbesserung der Verkehrssicherheit besteht. Für die beiden Einmündungen schlagen wir Lichtsignalanlagen (Ampeln) vor, die für den Verkehr auf dem Zweirichtungsradweg standardmäßig “grün” zeigen und nur bei Kreuzungsbedarf des KFZ-Verkehrs auf “rot” schalten (z.B. an dieser Stelle in Münster verwirklicht). Für die Kreuzung mit der Fontanestraße sollte eine “Konfliktschaltung”, bei der geradeaus fahrende Radfahrer und abbiegende KFZ gleichzeitig “grün” haben, vermieden werden.

Dass die Bereitschaft besteht, die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer höher zu gewichten als die Flüssigkeit des KFZ-Verkehrs, entnehmen wir der lobenswerten Ankündigung, die Lichtsignalanlage an der Haltestelle “August-Bebel-Straße” so zu programmieren, dass “die Wartezeit für querende Fußgänger und Radfahrer minimiert wird, auch wenn das zu Lasten der Grünen Welle geht”.

Letztere Aussage ist, zusammen mit der Ankündigung, die Drängelgitter an der Haltestelle “August-Bebel-Straße” zu entfernen und die Aufstellflächen zu vergrößern, der einzige Lichtblick des Schreibens. Diese Maßnahmen sind aber letztlich Kosmetik, welche die zentrale Fehlentscheidung (Abschaffung des Zweirichtungsradwegs) nicht ausgleichen können.

Die im Schlussatz versprochene zweite Querung “in der direkten Verlängerung der Straße Am Gallberg” wurde von uns nicht gefordert und ist bei Erhalt des  Zweirichtungsradwegs auch nicht notwendig. (Was von den Versprechungen der Stadt in Sachen Radverkehr zu halten ist, kann man aktuell in der Bauhofstraße sehen: versprochen war ein Geh- und Radweg mit 3,25m Breite, gebaut wurde nur ein 2m breiter Gehweg, mit nun katastrophaler Sicherheitslage für Radfahrer auf der Fahrbahn - ausführliche Stellungnahme hier.)

Auch mit diesen kleinen Anpassungen stellen für uns die Planungen einen fatalen Fehler dar, bei dem alle Anforderungen für Radverkehrsnetze (Zusammenhang, Direktheit, Attraktivität, Sicherheit, Komfort) außer Acht gelassen werden.

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